Fukushima nach der Katastrophe

Der Photograph Alexander Tetsch bereiste mehrere verstrahlte Gebiete, beispielsweise Fukushima und Tschernobyl, machte dort Fotos und sprach mit den dortigen Menschen. Aufgrund von mir unklaren Verhältnissen bezüglich Copyright hier statt Fotos ein Video welches seine Fotos aus Fukushima vom Mai 2013 enthält. Anschließend seine Schilderungen zur Situation in Fukushima. Alexander Tetsch kämpft gegen das Vergessen an, so mein Eindruck von ihm, als er seine Fotos präsentierte. Grob blieb mir in Erinnerung, dass er sagte, dass Nachrichten nur vier bis fünf Wochen in Erinnerung bleiben und Cäsium-37 über 30 Jahre, weshalb er Fotos mache (aber die Erinnerung kann trügen). Einige Fotos kann man sich in dem angegebenen Link anschauen.

Quelle: Hier klicken (www.neureuters.de)

„Drei Wochen habe ich im Mai 2013 in Japan verbracht.

Über 4.000 Kilometer bin ich durch das Land gereist und habe mehr als 17.000 Fotos machen können, um die beiden großen Atomkatastrophen des Landes – die Atombombe und die Fukushima-Kernschmelzen – zu begreifen. 87 Interviews mit Betroffenen, deren Leben durch die Atomkatastrophe von Fukushima dauerhaft verändert wurde, habe ich geführt.

Und eine zentrale Erkenntnis habe ich mitgebracht: In Fukushima läuft seit März 2011 der größte jemals unternommene Versuch zur Auswirkung radioaktiver Strahlung auf Menschen.

1,6 Millionen Menschen, darunter 360.000 Kinder, leben in der Präfektur von Fukushima – häufig ahnungslos – in teilweise so stark kontaminierten Gebieten, dass sie in Tschernobyl für unbewohnbar erklärt und evakuiert worden wären. Und all das geschieht mit Wissen und Unterstützung der Regierung, der WHO und der IAEA.

Zentrale Erkenntnisse meiner Recherchen sind:

Sechs Überlebende der Atombombe von Hiroshima geben uns eine zentrale Botschaft mit auf den Weg: Atomwaffen und Atomkraft sind untrennbar mit Geheimhaltung und Unrecht verbunden.

Ein Überlebender der Atombombe und bekannter Strahlenarzt beklagt, dass die jungen Ärzte vollkommen unkritisch an die von der Regierung propagierte Ungefährlichkeit der in Fukushima freigesetzten Strahlung glauben.

In der energiehungrigen Metropole Tokio scheinen die Lichter nicht auszugehen – auch wenn von den verbleibenden 50 Atomkraftwerken momentan nur zwei laufen. Nach Meinung der Hauptstädter ist Fukushima weit, weit weg und die vier durchgebrannten Atomreaktoren unter Kontrolle.

Nicht nur im ländlichen Bereich sondern auch in den großen Städten der Präfektur Fukushima ist die Kontamination auf den Straßen und in den Parks und Gärten weiterhin hoch: Das Abkratzen der oberen 15 Zentimeter Bodenschicht hat die Strahlung nur kurzfristig absenken können – Wind und Wetter bringen neuen Fallout von den Hügeln und Wäldern in die Städte.

Die verantwortlichen Bürokraten, Politiker und TEPCO-Manager haben das Ausmaß der radioaktiven Kontamination weit unterschätzt, nur unzureichende Strahlenmessungen vorgenommen und reagieren nur im Schneckentempo auf die sich immer deutlicher abzeichnenden technischen Herausforderungen der dringend erforderlichen Dekontaminationsarbeiten.

Alle 37 von mir überprüften amtlichen Messgeräte (insgesamt sind 3.141 stationäre, offizielle Messgeräte aufgestellt) nehmen es mit den Strahlenwerten nicht so ganz genau und zeigen allesamt nur etwa die Hälfte der von meinem geeichten Messgerät festgestellten Strahlenwerte an.

Am Straßenrand eines belebten Schulwegs in der Stadt Koriyama messe ich 14,88 Mikrosievert pro Stunde, vor dem Unfall gab es hier 0,04 Mikrosievert pro Stunde. In Deutschland würde man an einem so hoch verstrahlten Ort einen Strahlenschutzanzug und Atemmaske tragen, hier laufen die ahnungslosen Kinder in kurzen Hosen und T-Shirts vorbei.

Scheinbar planlos wird das abgetragene, kontaminierte Erdreich in riesigen Plastiksäcken – sogenannten Big Bags – an über 5.000 Waldrändern und in einsamen Tälern zwischengelagert. Es gibt keinen Plan, wie die Regierung mit diesem strahlenden Erdreich umzugehen gedenkt.

In allen großen Müllverbrennungsanlagen des Landes werden in aller Verschwiegenheit die radioaktiven Trümmer aus Fukushima verbrannt. Ohne besondere Filter, ohne besondere Instruktionen der Mitarbeiter. Die strahlenden Verbrennungsrückstände werden anschließend auf normalen Deponien entsorgt.

Die Lebensmittel werden weiterhin nur stichprobenartig radiologisch untersucht und immer mehr kontaminierter Fisch, belasteter Reis und verstrahltes Gemüse landen auf dem Tisch des arglosen Verbrauchers. Häufig sind die Herkunftsetiketten gefälscht oder die Lebensmittel solange gemischt, bis sie die Grenzwerte knapp unterschreiten.

Ein Krankenpfleger, der sich von Januar bis Dezember 2012 in der Atomruine von Fukushima um die verletzten Arbeiter gekümmert hat, berichtet davon, wie Menschen unvertretbar hohen Strahlungen ausgesetzt wurden und unter unmenschlichen Bedingungen bis zur totalen Erschöpfung arbeiten mussten.

Eine Pressekonferenz von TEPCO gerät zur Vorlesestunde und zum Monolog: Anstatt ein Gespräch mit den Journalisten zu suchen, liest der Pressesprecher gebetsmühlenartig endlose Zahlenkolonnen mit den neuesten Strahlungs-, Temperatur- und Druckwerten herunter – ohne die Presse über deren wirkliche Bedeutung zu informieren.

An allen Gebäuden der Behörden in der Präfektur Fukushima hängen Plakate und Banner, die die Bürger zum Bleiben und zum Durchhalten in der verstrahlten Umwelt motivieren sollen. Einige der Slogans wie „Fight for Fukushima“ erinnern an alte DDR-Parolen, mit denen damals die Bevölkerung zum Durchhalten ermuntert wurde.

Das amtliche Schilddrüsen-Untersuchungsprogramm will alle 360.000 Kinder der Präfektur Fukushima auf Anomalien untersuchen lassen. Pro Kind haben die untersuchenden Ärzte nur 1-2 Minuten Zeit für die Ultraschall-Untersuchung – und übersehen dabei naturgemäß viele Auffälligkeiten.

Wegen der hohen Strahlenwerte wurden der Schulsport und das Spielen im Freien für viele Kinder auf maximal 30 Minuten pro Tag eingeschränkt. Eine erste Folge ist das steigende Körpergewicht der Kinder in der Präfektur Fukushima.

Das sind nur einige meiner gemachten Beobachtungen. Ausführlicher sind sie im aktuellen Vortrag „Fukushima 360º“  zu hören und im Buch „Fukushima 360º“ nachzulesen, das in 44 Fotoreportagen die Geschichte der Menschen von Fukushima erzählt und das einzigartige Projekt der privaten, unabhängigen Fukushima Collaborative Clinic vorstellt.“ (Zitat Ende)

Informationen über Alexander Tetsch:

Quelle: Hier klicken (www.tschernobylkongress.de)

„Alexander Tetsch (geb. Neureuter) war nach seinem Jurastudium über 20 Jahre Executive Manager bei multinationalen Konzernen, bevor er seine Leidenschaft zum Beruf machte: Er arbeitet nun als freier Journalist und Fotograf mit dem Fokus auf Umweltthemen und Landschaftsfotografie. Der Umweltjournalist arbeitet insbesondere an den Themen „Atomenergie“, „Erdgas-Fracking“, „Braunkohle-Tagebau“ und „Chemie-Altlasten“. Ein Hauptthema seiner Arbeit ist das Engagement gegen das Vergessen der Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima. Er war mehrmals in den Sperrzonen von Tschernobyl und Fukushima unterwegs. In seinem Buch „Fukushima 360°“ berichtet er eindrucksvoll über das Leben im Umfeld der explodierten Reaktoren.“ (Zitat Ende)


In einer Nussschale: Nach einer Reise nach Fukushima bringt Alexander Tetsch neben Fotos noch einen Bericht mit, welcher von Geheimhaltung, Vertuschung und Verharmlosung der Gefahren in Fukushima der japanischen Regierung und Gesellschaft erzählt.

Dieser Artikel gehört zur Kategorie: “Der Status Quo“. Hier gehts zur Übersicht der Website. Hier zum nächsten Artikel „Die Folgen von Uranmunition„.

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